Kommentar zur Lesung 02.12.2012 - Jeremia 33,14-16

Heilsankündigung aus früher und späterer Zeit im Buch Jeremia

In der heutigen Lesung geht es um Heilsankündigungen für das Nordreich Israel und das Südreich  Juda.  Nach all den Katastrophen, die über Israel hineingebrochen sind, der Verwüstung des Landes, der Verschleppung der Bevölkerung, des weitgehenden Verlustes eigener Herrschaft, versichert Jeremia in einem Gotteswort  die Erfüllung einer Verheißung.

Denn schon in Kapitel 23,1-7 wurde für Israel und Juda ein gerechter Spross für David angekündigt. Sobald  Jahwe als der gute Hirt die Versprengten in ihre Heimat zurückgebracht hat, wird er kommen. Er wird als König herrschen und weise handeln, für Recht und Gerechtigkeit wird er sorgen im Land. In seinen Tagen wird Juda gerettet werden und Israel kann in Sicherheit wohnen. Er wird den Namen tragen: Jahwe ist unsere Gerechtigkeit. Hier wird ein  messianischer Herrscher angekündigt, der aus dem Haus Davids stammt und König  in Israel und Juda sein wird.

Die heutige Lesung , Kap 33,14-16 ist eine innerbiblische Bearbeitung von Kap 23,1-7. Hier gibt es auffallende Änderungen. War im ersten Text noch ein fester Termin genannt, so ist hier unbestimmt von Tagen die Rede, die irgendwann kommen werden. Das versprochene Heilswort über Israel und Juda soll sich dann erfüllen. Jetzt heißt es nicht mehr: ein gerechter Spross, sondern ein Spross der Gerechtigkeit. Ein König kommt nicht mehr vor. Nur noch Juda  wird gerettet und  nur in Jerusalem wird man in Sicherheit wohnen. Von Israel ist nicht mehr die Rede.  Den Ehrentitel „Jahwe ist unsere Gerechtigkeit“ bekommt keine Person, sondern die Stadt Jerusalem. Damit endet die Lesung.

Wer im Gottesdienst die Lesung hört und  den 1. Text Kap 23,1-7 nicht kennt, denkt hier vielleicht trotzdem an das Kommen des Messias.  Aber liest man nur 2 Verse  weiter, so sieht man, dass es nicht um einen  einzigen Spross Davids geht, sondern um eine Folge davidischer Nachkommen. Im nächsten Vers wird parallel dazu angekündigt, dass es auch der levitischen Priesterschaft nie an Nachkommen fehlen wird.

Welche Motive hatte  der unbekannte Bearbeiter, der die ältere Ankündigung verändert? Litt er darunter, dass dieser Messias immer noch nicht gekommen war? Überlegte er, wie dann die Ankündigung in Kap. 23 neu gedeutet werden müsste? War er vielleicht selbst ein Priester, der davon überzeugt war, dass das Fortbestehen des Kultes in Jerusalem das Wichtigste war? Will er vielleicht andeuten, dass messianische Hoffnungen mit dem Priestertum verbunden sind? All das können wir nur vermuten.

Die Lesung heute ist mit ihrem Ende  irreführend. Warum sie nicht mit der klaren Ankündigung des Messias aus Kap.23 direkt ausgewählt wurde, wissen wir nicht. Es könnte sein, dass der uns nicht bekannte Auswählende ein Priester war, der auf die Kontinuität zwischen Jesus, dem Messias, und dem christlichen Priestertum hinweisen wollte. Auch der Papst nennt sich Stellvertreter Christi, also Stellvertreter des Messias. Aber um diesen möglichen Hinweis zu verstehen, müsste die Lesung 2 Verse länger sein.
Der Text ist ein Beispiel dafür, wie man ältere Texte übernommen, ergänzt  und neu gedeutet hat. So haben auch die Verfasser unserer 4 Evangelien gearbeitet.

Der Bearbeiter des älteren Textes weist den Leser  durch die Unstimmigkeit zwischen V14  und V16  diskret, aber deutlich auf seine Bearbeitung hin.

An der heutigen Lesung sehen wir , welche Missverständnisse durch Kürzungen, Auslassungen, auch durch fehlende Hinweise auf Bezugstexte bei den Lesungstexten entstehen können, weil man all das als Hörender  nicht mitbekommen kann. Eine kleine Einführung zu einem Text wäre oft hilfreich.

Mathilde Bockholt

 
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