Kommentar zur Lesung am 14.10.2012 - Buch der Weisheit 7, 7-11

Die Weisheit ist die  größte aller Gaben

Das Buch der Weisheit ist das jüngste Buch des Alten Testaments. Es ist in Alexandria/ Ägypten im 1. Jahrhundert n. Christus entstanden und  auf Griechisch geschrieben. Damals gehörte Ägypten schon zum römischen Reich. Die große jüdische Gemeinde dort wurde angefeindet. In diesem Buch  kritisiert der Autor verhalten die brutale römische Herrschaft und den Kaiserkult, der die Kaiser als Götter verehrte.

Unserer Lesung geht voraus, dass der Ich-Sprecher sich als König vorstellt, der wie alle Menschen empfangen, geboren und in Windeln aufgezogen wurde, begleitet von Sorgen, die mit der großen Sterblichkeit kleiner Kinder zusammenhing. Er betont, dass er ein Mensch wie alle ist. Damit setzt der Autor ihn vielleicht von dem pompösen Herrscherkult um den  Kaiser ab.

Hier beginnt die Lesung. Dieser König betet und erhofft sich Klugheit (griechisch fronesis) er fleht, und bekommt noch etwas Besseres von Gott geschenkt: den Geist der Weisheit (griech: sophia). In den Fußnoten wird der König mit  König Salomon identifiziert, obwohl dessen Name nicht genannt wird. Das liegt wohl daran, dass Salomon in 1 Könige 3,5ff von Gott in einer Vision ein weises, verständiges Herz geschenkt wird und seine Weisheit mehrfach gepriesen wird, z.B.1 Kön6, 9-14.

Was aber bedeutet Sophia? Der Begriff ist im Deutschen, im Griechischen, auch im Hebräischen, weiblich und wird auch als Frau Weisheit personifiziert (Sprüche 9,1ff). Die Wörterbücher geben vieles an, was mit ihr verbunden ist: Erkenntnis, Scharfsinn, Schläue, Kenntnisse, Wissen, Erfahrung, Weltweisheit. Alle Eigenschaften sind wichtig, um das Leben zu gestalten. Hier werden sie sogar als Voraussetzung für ein gelingendes Leben gesehen. Sie sind jedem Menschen zugänglich, wie Kap 7, 1-6 gesagt wird. Der Ich-Sprecher lobt die Weisheit über alles. Verglichen mit ihr, sind alle anderen Güter wie Reichtum, Gesundheit, Schönheit bedeutungslos. Er weiß aber auch, dass ihm durch die Weisheit unzählbare Reichtümer zuwachsen, die er nicht benennt.

In der Sophia, der Weisheit, haben die Juden in Alexandria sicher einen Gegenentwurf zur Göttin Isis erkannt, die als kluge Herrin über Himmel und Erde sehr verehrt wurde. Versteckt wird hier auch der römische Kaiser kritisiert, dem es an Weisheit fehlt.

Im Alten Testament gibt es eine lange Tradition weiser Frauen, die durch kluges Verhalten bei Konflikten eingegriffen haben. Die kluge Abigaijl (1 Samuel 25) hält David von einem Massaker ab. Die Totenbeschwörerin von En-Dor ist so angesehen, dass sogar König Saul sie in seiner Not aufsucht, obwohl er selbst ihren Beruf verboten hat. Dabei tröstet sie den Verzweifelten mit mütterlicher Fürsorge. Ihrer und vieler anderer weiser Frauen wird bei der weiblichen Weisheit auch gedacht. Unsere Lesung endet mit der Freude des Beters, der erlebt, wie die Weisheit ihn unendlich reich beschenkt. Im ihr folgenden Text erläutert der Beter die Weisheit und seine Freude an ihr auf vielfältige Weise.

Mathilde Bockholt

 
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